Von Tim Herden, Freitag 13/2008
Totgesagte leben länger. Diese Plattitüde scheint sich einmal mehr bei
der Bahnprivatisierung zu bewahrheiten. Vor knapp vier Wochen, mitten
im SPD-Streit um die Öffnung zur Linken, haben selbst überzeugte
Privatisierungsbefürworter in der Partei, wenn auch hinter
vorgehaltener Hand, aufgegeben. Doch nun sehen sie in Kurt Becks Krise
ihre Chance.
Am 31. März trifft sich erstmals die SPD-Arbeitsgruppe
"Bahnprivatisierung" im Berliner Willy-Brandt-Haus. Der
Parteivorsitzende hat das Thema zur "Chefsache" erklärt, er will mit
einem Ja zum Börsengang Durchsetzungsfähigkeit beweisen und dürfte die
Privatisierungsgegner unter den Parteilinken an ihre jüngsten
Ergebenheitsadressen erinnern. Wer ihm die Treue schwört, soll doch
bitteschön auch den Widerstand gegen eine börsennotierte Bahn aufgeben.
Deren Anhänger können sich in besagter Arbeitsgruppe auf eine klare
Mehrheit stützen, angeführt von Finanzminister Peer Steinbrück. Allein
Hermann Scheer kommt in dem Gremium noch als namhafter Gegner in
Betracht, seit Brandenburgs Verkehrsminister auf dem Rückzug ist - noch
im Herbst hatte Reinhold Dellmann den Widerspruch der Länder gegen das
Vorhaben artikuliert.
Beck favorisiert das von Steinbrück entwickelte
"Holding-Modell". Danach bleiben Schienennetz und Bahnhöfe im Besitz
des Bundes, allerdings verwaltet durch die Netz AG der Bahn. 49 Prozent
des Personen- und Güterverkehrs sowie des bahneigenen
Logistikunternehmens Schenker sollen über die Börse an private
Investoren verkauft werden. Der mögliche Erlös dieser
Teilprivatisierung wird auf zwölf Milliarden Euro geschätzt, wovon je
fünf in den Bundeshaushalt sowie in die Sanierung von Bahnhöfen und
Strecken fließen sollen. Den Rest erhält die Bahn für Neuinvestitionen
in Fuhrpark und Ausrüstung. Eine bescheidene Ausbeute, hält man sich
das reale Anlagevermögen der Bahn AG von 100 bis 120 Milliarden Euro
vor Augen.
Heute auch den Ozean
Beck folgt einer Doppelstrategie, um einerseits den
Finanzminister zu bedienen, der mit seinem Privatisierungsanteil
kalkuliert, wenn es gilt, unter dem Druck einer möglichen Rezession
einen ausgeglichenen Haushalt zu präsentieren. Andererseits möchte der
SPD-Chef die Zweifler in den eigenen Reihen mit Geld für die Sanierung
von Gleisanlagen und Bahnhöfen ködern. Freilich bleibt unklar, ob sich
Vorbehalte und Skepsis wirklich so leicht beschwichtigen lassen. Auf
dem Hamburger SPD-Parteitag im Herbst hatten immerhin 90 Prozent der
Delegierten für Volksaktien plädiert, sollte der Privatisierungsfall
eintreten. Davon hat sich Steinbrück mit seinem Modell zugunsten
kapitalkräftiger Investoren längst verabschiedet, weil er davon
ausgehen kann, dass sich auch Beck von jenen Visionen benebeln lässt,
mit denen Bahnchef Mehdorn den global engagierten Logistikkonzern
feiert, frei nach dem Motto: "Früher überquerten wir den Main. Heute
auch den Ozean." Deshalb müsse die Bahn an die Börse - nur so werde sie
effektiver, wirtschaftlicher und besser.
Derartige Heilsversprechen sollten Anlass sein, sich der ersten
Bahnreform vor 15 Jahren zu erinnern. Deren Bilanz kann niemand
entgehen, der sich zur Reise per Zug entschließt, falls es den auf der
gewählten Strecke noch gibt. Jenseits der Hochgeschwindigkeitsstrecken
finden sich verwaiste Bahnhöfe und tote Gleise zuhauf, von Gras
überwuchert, wenn nicht Schienen und Schwellen bereits demontiert sind.
Seit 1994 übt sich die Bahn AG im großen Kahlschlag und hat 13.800
Kilometer Schienenstrang oder besser gesagt 15,5 Prozent des
Schienennetzes stillgelegt. Zugleich gerieten 65 Prozent aller
Gleisanschlüsse von Betrieben in diesen Sog, obwohl es doch ökologisch
so unverzichtbar sein soll, den Verkehr statt auf der Straße übers
umweltfreundliche Gleis abzuwickeln. Der Verkehrswissenschaftler
Karl-Dieter Bodack resümiert: "Die Güterverkehre sind erschwert, da
weniger Fahrplantrassen zur Verfügung stehen und Überholungen und
Kreuzungen an weniger Stellen möglich sind. Zudem hat die Pünktlichkeit
gelitten, da bei Zugverspätungen weniger Ausweichmöglichkeiten
existieren."
Die Teilprivatisierung der Bahn AG könnte diesen Trend beschleunigen,
vermutet der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Winfried Hermann.
Zahlreiche Nebenstrecken dürften zur Disposition stehen, wenn bei einer
treuhänderischen Verwaltung von Schienennetz und Bahnhöfen durch die
Netz AG private Investoren darauf drängen, unrentable Strecken zu
kappen. Hermann fordert daher eine unabhängige Agentur, die Verkehr,
Trassenvergabe und Wettbewerb steuert.
Stiefkind Schiene
Momentan, so zeigt das Beispiel des Güterverkehrsunternehmens
ITL aus Dresden, behindert die Bahn AG bewusst den Wettbewerb auf der
Schiene und dies offenkundig mit dem Plazet der Politik. ITL-Züge
verkehren zwischen Tschechien und den Nordseehäfen. Für den Wechsel der
Lokomotiven benötigt ITL in Bad Schandau ein Ausweichgleis, das die
Bahn AG mit Genehmigung des Bundes abbauen will. Arthur Martini vom
Netzwerk Privatbahnen klagt, es werde immer schwieriger wegen der
Netzauszehrung und den dadurch geminderten Kapazitäten die gewünschten
Trassen bei der Netz AG der Bahn zu bekommen.
Ohnehin wird die Schiene im Gesamtkonzern längst wie ein
Stiefkind behandelt, das geltenden Prioritäten im Wege steht.
Schließlich ist die Bahn heute eines der größten Luftfrachtunternehmen
und durch den Zukauf der Stinnes AG auch umsatzstärkster
Straßenspediteur Europas. Insofern klingen Hartmut Mehdorns Klagen über
fehlendes Geld für neue Triebfahrzeuge und Waggons verlogen, wenn die
Bahn zur gleichen Zeit milliardenschwere Unternehmen im Ausland kauft
und die Verluste auf über 38 Milliarden Euro hoch schaufelt. Einbußen,
für die der Staat bürgt, von dem sich der Bahnchef dank Privatisierung
so gern unabhängig machen will.
Zieht das alles nicht, nimmt Mehdorn mit der Drohung weiteren
Personalabbaus die eigene Belegschaft für das Projekt Börsengang in
Haftung. In einem geheimen Vorstandspapier droht er nach den jüngsten
Tariferhöhungen für die Bahnmitarbeiter mit Verlagerungen ins Ausland,
mit Outsourcing und dem Verkauf von Gesellschaften, sollte es durch
einen Verzicht auf den Börsengang kein frisches Geld geben. In den
Gewerkschaften Transnet und GDBA hinterlässt das Wirkung. Transnet-Chef
Norbert Hansen nennt die Börsenpräsenz eine "einmalige Chance", auch
wenn seine Basis auf Distanz geht und sich vier Gewerkschaftsbezirke
mittlerweile gegen eine Privatisierung wenden. Im Beschluss der
Bezirkskonferenz Saar-Mosel-Westpfalz heißt es: "Der geplante
Börsengang würde die größte Verschleuderung öffentlichen Eigentums in
der Geschichte der Bundesrepublik darstellen." Und eine
Unterschriftenaktion unter den Bahnbeschäftigten fordert Hansen auf,
"die Bahn sowohl vor der Zerschlagung als auch vor der
Kapitalprivatisierung zu schützen".
Die Stimmung der Gewerkschaftsbasis reflektiert die der Bevölkerung,
denn über 70 Prozent lehnten zwischenzeitlich die Privatisierungspläne
ab. Kurt Beck ficht das nicht an - innerhalb von vier Wochen will er in
der SPD den Börsengang absegnen lassen, um im Koalitionsausschuss am
28. April gegenüber der Kanzlerin Vollzug zu melden.